2012 Biografie - Ein Spiel: Presse
Vlotho
Nachdenkliches über das Leben
Premiere im Weser-Gymnasium: Theater AG bringt Stück von Max Frisch auf die Bühne

Yoga hält jung: In dieser Szene zeigt Johanna Esdorn, die mehrere Rollen spielt, einige Übungen.
Von Miriam Finkhäuser
»Kürmännchen Käsgesicht« rufen die Kinder und werfen mit Schneebällen nach Hannes Kürmann. Wie wird er reagieren? Anders als in seinem alten Leben? Die Theater AG des Weser-Gymnasiums hat ihre Premiere des Stückes »Biographie – ein Spiel?« von Max Frisch mit Bravour gemeistert.
Die Stühle bilden eine Arena, in der Mitte ist wie in einem Zirkus die Bühne. »Biographie ohne Antoinette?«, fragt Jale Pakhuylu in ihrer Rolle als seriöse Spielleiterin. Zusammen mit Alev Ayhan und Özge Asanbayli versucht sie, dem verzweifelten Hannes Kürmann alias Henrik Schnülle zu helfen. Dieser meint zu wissen, was in seinem Leben falsch gelaufen ist und hat nun die Möglichkeit, seine Biographie zu ändern.

Hannes Kürmann darf seine Biographie ändern. Ein Schlüsselerlebnis in seinem alten Leben war ein Arztbesuch, den er hier mit Mediziner (Charlotte Frodermann) noch einmal erlebt. Fotos: Finkhäuser
Wie schwierig dies ist, zeigt sich in der ersten seiner nachgestellten »Leben-Szenen«, in der er versucht, seiner zukünftigen Frau Antoinette aus dem Weg zu gehen. Immer wieder wiederholt sich die Szene, denn Kürmann verfällt erneut in alte Handlungsmuster. Er ist unfähig, das Schicksal seines Lebens zu ändern.
Verschiedene Lichteinstellungen der »Licht und Theater AG« heben die Szenen aus der Biographie von den Dialogen von Kürmann und den Spielleitern ab. Das Publikum fühlt sich somit als Zuschauer eines wissenschaftlichen Experimentes. Aus verschiedenen Blickwinkeln nehmen die Zuschauer Anteil an einem Leben, das auch ihres sein könnte. Dabei regt das Stück an, darüber nachzudenken, ob der Mensch seine Biographie selbst in der Hand hat oder ob es sich um Schicksal handelt. Mit simplen Kostümen und einem einfach gehaltenen Bühnenbild liegt der Schwerpunkt der Inszenierung daher nicht allein auf der reinen Unterhaltung, sondern auch auf der Botschaft, die vermittelt werden soll.
Pauline Hambruch glänzt in ihrer ernsten Rolle als sterbende Mutter mit den Worten »Hannes, zieh' dir warme Socken an«. »Die Theater AG nennt das Stück eine Tragikomödie«, verrät Schulleiter Jörg Twele vor dem Auftritt und das wird besonders an den letzten Worten der Mutter deutlich.
Seit Beginn des Schuljahres probt die Theater AG jeden Freitagnachmittag und auch an Wochenenden. 15 Schüler – darunter zahlreiche Neueinsteiger – inszenieren das Schauspiel mit viel Einsatz. Die Generalprobe fand am Mittwoch in Gegenwart der Deutschkurse statt. Die Kritik fiel sehr positiv aus. »Es ist keine Durchschnitts-Story, in der der Zuschauer das Ende fast erraten kann«, resümiert Nils Kreideweiß. Allein der ständige Wechsel der Schauspieler erzeuge ein spannendes Spiel.
Timo Kotzur und Kelly Andres untermalen einzelne Szenen mit passender Klaviermusik. An Professionalität gewinnt das Stück durch den studierten Theaterwissenschaftler Michael Damm, der die AG am WGV leitet. »Mit Jugendlichen zu arbeiten, macht sehr viel Spaß«, sagt er und gesteht, dass er vermutlich am meisten Lampenfieber habe.
Die Theater AG begeisterte bereits unter seiner Leitung und der von Natalie Keil mit den Aufführungen von »Linie 1«, »Sommernachtstraum(a)« und »Herr der Fliegen« nicht nur das Vlothoer Publikum.
Weitere Vorstellungen finden an diesem Sonntag, 3. Juni, um 16 Uhr und am Dienstag, 5. Juni, um 19.30 Uhr im Pädagogischen Zentrum des Weser-Gymnasiums statt. Der Eintrittspreis beträgt für Ermäßigte vier Euro und für Erwachsene sechs Euro.
Wie wäre ein Leben ohne die Ehefrau?
Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch schrieb "Biografie - ein Spiel" im Jahr 1967, uraufgeführt im Schauspielhaus Zürich am 1. Februar 1968, und praktizierte Jahre später selbst das, was er zum Inhalt seines Bühnenstücks ersonnen hatte, nämlich eine thematische Wiederholung mit anderen Möglichkeiten, eine Überarbeitung im Jahr 1984. Basis der AG-Arbeit sei die Neufassung gewesen, so Michael Damm. Als eigene Elemente des WGV-Ensembles habe man eine größere Anzahl von Assistenten und Spielleitern auf die Bühne gebracht, was die Idee des Stückes deutlicher und das theatrale Spiel abwechslungsreicher mache.
Verhaltensforscher und Professor Hannes Kürmann (Henrik Schnülle) ist offensichtlich todkrank und unzufrieden mit dem Ablauf seines Lebens. Eine Änderung an der unglücklich verlaufenen Biografie bezieht sich für Kürmann auf sein Eheleben. Er wünscht sich im ersten Teil des Bühnengeschehens einen Lebenslauf ohne Ehefrau Antoinette (Nele Buchholz, Rebecca Downey). Er möchte entscheidende Stellen seines Lebens diverse Male neu durchspielen, sie ändern und dadurch seiner Biografie einen anderen Verlauf geben.
Durch die spielerisch unterschiedlichen Situationen seines Lebens begleiten Hannes Kürmann drei Spielleiterinnen (Özge Asanbayli, Aley Ayhan und Jale Pakhuylu) mit ihren diversen Assistenten, die in die Rollen von Personen aus Kürmanns Biografie schlüpfen. Unterschiedliche Szenen aus seiner Vergangenheit spielt Kürmann zwecks neuer Impulse noch einmal durch, doch bei keiner einzigen Situation kann er sich dazu durchringen, grundlegend etwas zu ändern. Die Möglichkeit der freien Wahl und eine Änderung der Biografie bleiben für ihn spielerische Illusion. Ausklingen lässt er solche Szenen regelmäßig resigniert mit den Worten "Löschen Sie wenigstens das Licht."
Kürmann schafft es trotz zahlreicher Varianten der anfänglichen Partyszene zu Ehren seiner erlangten Professur nicht, sein Leben wirklich zu verändern und seine wahren Probleme durch einen Neubeginn in den Griff zu bekommen. Die Spielleiterinnen gestatten ihm, in der Biografie zurückgehen und die Abläufe ab markanten Punkten neu zu gestalten. "Was Sie wählen können, ist Ihr eigenes Verhalten", bekommt der Professor als Tipp. Doch er nutzt seine Chance nicht. Ideen, wie der Eintritt in die verpönte Linkspartei, vermögen seine berufliche Karriere nicht zu stoppen - wie er sich das wünscht. Auf den innigen Wunsch nach einer anderen Intelligenz, erhält er die Spielleiterinnen-Antwort: "Sie missverstehen die Spielregeln, Sie haben die Genehmigung nochmals zu wählen, aber mit der Intelligenz, die Sie nun einmal haben."
Einige Situationen entbehren einer gewissen Komik nicht, denn die Ziele der Spielleiter sind nicht klar formuliert "Soll ich Yoga machen?", fragt Kürmann. Die nicht wirklich hilfreiche Antwort einer Spielleiterin mündete in dem Hinweis, dass es viele Lehren gebe. Darauf lautet Kürmanns Fazit: "Die Summe der Banalität bleibt gleich." Die Tragikkomödie entlässt den Professor nicht wirklich aus Krankheit und Ehe, obgleich er in Teil zwei Antoinette als Ehefrau akzeptiert.
Eine gewisse Komik entwickelt sich am Schluss, denn Antoinette kommt in den Vorzug einer Wahlmöglichkeit und wählt, das erste Treffen mit Kürmann folgenlos zu beenden.
Weitere Aufführungen von "Biografie - ein Spiel" im PZ des Weser-Gymnasiums: Sonntag, 3. Juni, 16 Uhr und Dienstag, 5. Juni, 19.30 Uhr.


